Die Ohnmacht der Liebe

Alle sind fort die den Sommer über noch da waren. Herbst ist es geworden, im Hause brennt immerfort das Licht. Kann nicht hinaus und nach den Gästen sehen, es fehlen die Bretter am Balkon. Es glänzt die milde Sonne in den Bäumen, mal grün, mal gelb, mal ist schon etwas Rot dabei. So dunkel ist die Erde. Die Leuchter sind von der Decke gefallen und einer hat sie vor die Tür gestellt. Lebendig ist die Zeit und tot ist die Vergangenheit ruft da jemand von drüben. Aber die Türen sind so stumm, lassen keinen rein, keiner schlägt sie zu, so morsch ist schon der Rahmen. Wo ist der Kaffee für die Kanne mit den Rosen? Die Fenster klappern mit dem Wind und was zu sehen war, da draussen, fällt einfach aus dem Rahmen. In Scherben liegen sie, die Bilder, die Wolken und der ganze Himmel. Einspannen sollte man und in den Morgen hinaus fahren. Die Kutsche hat so viel Staub angesetzt. Was mach ich mit den alten Schuhen? Alle tragen so schöne Kleider, es raschelt im Laub. Die eine hat so ein liebes Gesicht, wie Sahne ist die Haut und so ein Begehren ist in ihrem Blick. Die Kirschen sind schon reif und warten auf die Münder, der Hunger ist noch da und leise klopft das Herz.

Guten Morgen liebe Zuseher, hört sie durch die Türe, die auch nicht mehr gut schliesst. Rainer sitzt also schon wieder vor dem Fernseher. Er nimmt alles auf was verloren gehen könnte. Ich habe wohl geträumt fällt ihr ein. Dabei soll heute jemand kommen und die Sachen abholen. Ein Blick aus dem Fenster, alles Grau in Grau. Es ist wieder einmal zum Weinen an solchen Tagen. Kommt da schon jemand? Die Fenster klappern, obwohl gar kein Wind geht. Der Hund hat gerade einen ungebetenen Besucher verbellt. Er macht nicht viel her auf vier Beinen, aber er hat eine gute Nase und ist ausdauernd, bellt noch lange nach, obwohl keiner mehr zu sehen ist. Wird wohl noch etwas in der Luft sein. Der Besucher im Hof war ein Fotograf der noch festhalten will, von dem, was noch geblieben ist. Hotel steht ja noch dran, aber es fehlen die Gäste, und das seit langem. Muss mich noch herrichten, die Jahresringe zählen oder besser noch, die Falten. Die Haut will sparen und versteckt sich und das Gesicht wirft Schatten. Hat sich nicht angekündigt, erscheint einfach allesx so um die Nase herum. Wenn man den Seidenschal in Falten legt wird er kleiner, obwohl er immer noch der gleiche ist. Tröstlich könnte man sagen. Stören uns die Falten oder die Blicke der anderen? Sehen wir einfach darüber hinweg und schon sieht alles jünger aus.

Eine fremde Stimme. Ach so, Rainer sitzt noch immer vor den Apparaten.
„Bist du verrückt geworden, in Stiefeln sitzt du in aller Frühe vor dem Fernseher“
„Bin nicht verrückt, aber ausgefroren, und dem Heizköper ist auch kalt“
„Oh je, ich hab vergessen den Handwerker anzurufen, damit er das neue Ventil einbaut. Werde auch schon alt.“
„Vergiss die Jahre und denke lieber an das Notwendige.“
„Und du sollst Alexander abholen, das hab ich nicht vergessen.“
„Das auch noch bei meinen Füssen.“
„Warum musst du noch immer in Sandalen unterwegs sein?“
„Geht nicht anders wenn der Fuss keinen ordentlichen Schuh mehr verträgt.“
„Dann wird es Zeit dass der Sommer kommt.“
„Deine Zuversicht möchte ich haben, zuerst kommt der Winter meine Liebe.“
„Wir haben noch Zeit bis dorthin, gehen wir in die Küche und trinken wir einen heissen Kaffee.“

„Die gute Bohne ist auch schon wieder teurer geworden.“ „Das Beste ist für mich gut genug, sagt Rainer und lächelt.“ „Du, warum bekommst du noch immer keine Rente ?“
„Ich will keine Almosen!“

„Almosen - was ist das, wenn es um die Früchte der Arbeit geht?“
„Ja, war schon die meiste Zeit beschäftigt. Zuerst bei den Bauern , dann bin ich auf die Walz gegangen.“
„Was ist eine Walz?“
„Na, man arbeitet mal bei dem einen, dann reist man weiter und sucht sich einen neuen Platz. So kommt einer ausser Landes und dort kennen sie nicht mal eine Versicherung oder gar eine Krankenkasse.“
„Ein Vagabunden-Leben, das hätte ich nicht ausgehalten.“
„Ein Bauer auf dem Berg hat einen Schreiner haben wollen und so musste ich umlernen. Bin beim Meister im Dorf für ein paar Wochen in die Lehre gegangen. Für die Fensterstöcke habe ich die Zinken ausgestemmt und das Holz studiert, das Hobeln gelernt.“
„Da kannst du bei mir auch gleich anfangen.“
„Ich komme zurück auf den Berg und alles schien anders zu sein. Leute in schwarzen Kleidern standen vor dem Haus. Ich möchte zu den Bauersleuten sagte ich. Sie schwiegen und als ich an der Türe bin deuten sie mir nach oben. Dort war die Schlafstube der Hausleute. Ich wage mich kaum in den mit Kerzen erleuchteten Raum wo ein großes Bett steht. In dem Bett liegt ein kleiner Junge und ist noch stiller als alle anderen. Er liegt so friedlich da, so mitten drin in der blütenweissen Wäsche. Wir kümmerten ihn nicht. Er hatte schöne schwarze Haare, seine Augen wollten niemand mehr sehen, sie haben sich für immer geschlossen. Neben dem Bett kniete die Mutter. Sie war so leblos mit ihrer Leichenblässe, und so fassungslos. Nie mehr habe ich eine solche Trauer gesehen. Drei Tage und drei Nächte lang ist sie an dem Bett geblieben. Beim Fortgehen sah ich neben dem Strassengraben einen umgestürzten Wagen liegen. Etwas Heu lag noch herum. Was ist da passiert frage ich die alte Frau die grad vorüber kommt.“
„Der Bub!“

„Entschuldige liebe Schwester, aber ich vergesse immer wieder dass du solch tragische Geschichten nicht mehr hören willst - höre schon auf damit“
„Das ist gescheit - wie lange bist du schon Gast in meinem Haus?“
„Das werden wohl schon zehn Jahre sein. Ich war auch mal Gast bei deinen Herrschaften im Sommerhaus, dort am See, weisst du noch.“

„Natürlich!“
„Erinnere mich an die Angst als du immer weiter in den See hinaus geschwommen bist. Wie mutig ist meine Schwester dachte ich mir damals, und was hätte alles sein können denke ich mir heute.“
„Denke nicht so viel, das macht Kopfweh. Alexander wartet auf dich am Bahnhof, er hat ein paar Tage frei.“
„Schon wieder, und was machen die Professoren wenn die Studenten immer frei haben?“ „Faulenzen!“
„Da steht das Wasser heute im Garten und da soll ich durch?“
„Sei froh dass wir den Garten haben ansonsten müsstest du auch noch Gassi gehen.“
„Gassi gehen, du meinst den Hund?“

Die Bäume am Ufer spiegeln sich im grünen Wasser, der Berg ist nach hinten gerückt. Er hat sich aufgetürmt vor langer Zeit. Nun ruht und rastet der dunkle Stein. Er hält die Wacht nach ‚