Der Löwe im Salon

Der Meister hat Besuch vom König. Jung und höchst lebendig will er sich neuerdings der Welt zeigen. Die gereiften, edlen Züge verlangen den gebührenden Rahmen. Eine grosse Serviette ist bereit, die Tücher. Der Meister muss sich anstrengen, wo sein Kopf so ausladend ist. Es war nicht einfach so von weit draussen hierher zu kommen. Die Wüste, die Steppe, die Savanne, das Grasland war so viele Jahre die Heimat, sein Zuhause gewesen. Nun ist die Zeit gekommen Neues kennenzulernen, und so hat er sich entschlossen unter die Leute zu gehen, zu reisen.

Die Mähne wird gewickelt. Es ist mehr als ungewöhnlich, die kalten Dinger auf dem Kopf drücken. Doch auch der Meister scheint sich nicht wohl zu fühlen, auf seiner Glatze bilden sich Schweissperlen und sein Gesichtsausdruck gleicht dem einer Miesmuschel. Ungewöhnlich für diesen Laden. Doch er hat eine sehr reizende Frau an seiner Seite, sie wäscht den Leuten den Kopf. Aber sie kann auch sehr gekonnt Frisuren legen, wenn der Meister wieder einmal beim Spiel ist, oder im Garten liegt, eine Flasche neben sich.
Haben sie einen Wunsch fragt dieser unvermittelt, als hätte er was gutzumachen? Wollen Sie etwas lesen? Er lächelt. Was für eine Frage denkt er? Wollen Sie ein Getränk fragt er weiter. Er überlegt, soll er den Mund aufmachen. Wer blickt schon gerne in einen Rachen der gewohnt ist Großes in sich aufzunehmen? Doch inzwischen kommt die Frau mit einem Krug Wasser und dazu einen Trinkbehelf. Er blickt sie dankbar an. Sie verstehen sich.

Vor dem Fenster scheint ein kleiner See zu sein. Er reicht bis an das Haus heran. Er denkt an die großen Fische. Sie müssen nur das Maul aufmachen und schon schwimmt das Futter rein. Auch ein Leben, so durch die See zu gleiten, abzutauchen in die Tiefe wenn es oben zu heiss wird. Angeblich sollen ja alle aus dem Wasser kommen. Wäre das ein Leben für einen Löwen - Fische fangen.? Hinter dem Gehölz zieht ein großer Fluss vorbei und der See ist durch die Flut entstanden. Die Fische können nicht zurück müssen warten. Aber sie finden Futter und müssen nicht andauernd gegen den Strom schwimmen. Der Hunger meldet sich schon wieder.

Er blickt in den Spiegel, ein Privileg unter uns gesagt, wo es bisher den Affen vorbehalten war, sich selbst zu erkennen, und sogar die klugen Elefanten brauchen noch Zeit um das zu lernen. Was sieht er da vor sich, ist da noch genug von einem König, etwas von Würde? Die Mähne wäre noch einigermaßen wenn da nicht die Spuren des letzten Kampfes wären. Die grosse Savanne, das Land unter der roten Sonne, mit den tausend Gazellen die schnell wie der Wind über das Gras fliegen, kann nur die ganz Starken dulden.
So sitzt er da im fahlen Licht einer Neonröhre mit dem geblümten Tuch um die Brust, in einem Salon wo in der Regel nur Menschen hinkommen. Der Stuhl auf dem er sitzt wackelt ein wenig, reichlich ungewohnt für den Löwen der einen festen Boden braucht um große Sprünge machen zu können.
Er hätte zwei Gesichter sagen die Menschen, einmal das gefährliche, ein anderes Mal ist er ruhig und gelassen, würdevoll.

Die Frau des Meisters kommt mit einem vollen Korb herein und gibt dem Mann zu verstehen dass sie Fische zum Markt bringen wird. Es wird etwas dauern sagt sie noch. Sie lächelt zur Seite und verlässt den Raum.

Es ist unerträglich heiss geworden unter der Haube. Der Ventilator an der Decke surrt scheinbar nutzlos vor sich hin. Der Meister hat es sich im Schaukelstuhl gemütlich gemacht. Er schläft mit offenen Augen, als sollte ihm nichts entgehen. Die Augenbinde ist verrutscht. Wo einmal ein Auge war ist eine Höhle geblieben. Eine Flinte hängt an der Garderobe.

Sie kamen im Morgengrauen mit Gewehren. Sie sind von Westen gekommen von den Ölfeldern her. Einer der Männer hat sich durch seine Grausamkeit ausgezeichnet. Er hat alle jungen Löwen getötet. Er erinnert sich daran dass auch dieser Mann eine Augenbinde getragen hat und er war glatzköpfig. Es folgte die Flucht weit hinaus in die Steppe. Der Himmel war schon voller Sterne als er ankam, dort wo er glaubte sicher zu sein. Aber es folgte ein böses Erwachen als sich ein junger, starker Löwe vor ihm aufrichtete und mit Gebrüll zu verstehen gab wer das Sagen hat, wem sie untertan sind.

Er war auch einmal der uneingeschränkte Herrscher in der Savanne. Beim ersten Morgenrot zogen sie aus um die schnellen Antilopen zu jagen. Er konnte inzwischen sein Fell wärmen, lauschen ob sie bald kommen werden mit der Beute. Das waren Tage wenn die späte Sonne den Abend vergoldet hat. Die Rufe der Nacht haben ahnen lassen dass weiter draussen noch viele Geheimnisse sind. Die Luft unter dem Zelt der Sterne kühlte das Gemüt und das Fell. Er konnte rasten inmitten seiner Gefährtinnen.
Da draussen ziehen sie vorüber die schönen Gazellen als ob sie Flügeln hätten, wie Wesen von einem anderen Stern. Eine Fata Morgana? Aber da ist niemand, nur der Dunst der vom Wasser des Sees aufsteigt.

Bedrückend die Schwüle des Mittags, noch immer surrt der Ventilator, liegt der Meister in seinem Stuhl und starrt auf die Decke. Sein Hals liegt bloß. Ob der Biss des alten Löwen auch heute noch so gnadenlos ist? Die Zähne sind auch schon etwas stumpf geworden, die Krallen haben nicht mehr diese Schärfe.
Von Zirkuslöwen wird berichtet, der vom Beifall lebt. Sie haben ihr Ausgedinge, drehen apathisch ihre Runden, lauern auf den Wärter und stürzen sich auf die Fleischhappen die durch die Luke fallen. Nein, das ist eines Löwen nicht würdig.

Die Frau, die Meisterin kommt zurück mit dem Korb ohne der Fische. Sie blickt sich um sieht den leeren Schaukelstuhl, die Augenbinde die achtlos am Boden liegt. Sie dreht sich um sieht den Löwen auf dem Stuhl, noch zieren die Lockenwickler sein mächtiges Haupt. Er scheint die Ruhe selbst zu sein. Sie versteht, und ihr fallen die Worte eines Soldaten ein:

Die Not kennt keine Moral.